Ganz klein angefangen…

Wer beim Friseur sitzt und die Friseure bei der Arbeit beobachtet, merkt schnell, dass jeder einen ganz eigenen Schneidestile hat. Als meine kleine Schwester und ich noch kleine Mädchen waren, wurden wir von unserer Mutter immer auf ganz lustige und spielerische Art überredet, mit ihr zusammen anstelle von Kinderfilmen lieber Schneideseminare von damaligen Künstlern wie Toni&Guy und Anthony Mascolo zu schauen.
Heute müssen wir immer lachen, wenn wir uns über diese Zeit unterhalten, denn die Seminare waren auf Englisch und keine von uns beiden hatte es verstanden, was die Stimme im Hintergrund erzählte. Alles was wir sahen, war eine schöne Frau in einem schwarzen Umhang und ein sehr COOLER Typ, der mit unfassbarer Leichtigkeit und Coolness Scheitel zog und das kreuz und quer durchs Haar. Schon nach kurzer Zeit wurde aus kindlicher Neugier wahres Interesse und eine Faszination für den Haarschnitt, die bis heute anhält. Die Schneideseminare wurden zu unseren Kindergeschichten, das Haareschneiden ein neues, gemeinsames Hobby, das uns mehr und mehr beschäftigte, je älter wir wurden. Wahrscheinlich waren sie der Beginn unsere Friseurkarriere.

lart3

 

Ein Haarschnitt ist etwas sehr Individuelles

Schnell wurde mir bewusst, dass Haare schneiden mehr als nur „Unkraut“ kürzen oder entfernen bedeutete, es ist Kunst. Ein Schnitt ist nie derselbe und hat auch nicht immer die gleiche Aufgabe. Er ist einzigartig und immer individuell angepasst. Ein Haarschnitt ist kein Katalogkauf – man kann ihn sich nicht einfach aussuchen und ihn sich genauso so auf den Kopf setzen lassen, denn jeder Kopf ist anders, jedes Haar einmalig in der Art, wie es sich bewegt, wie es fällt, wie es reagiert. Es gibt unendlich viele unterschiedliche Haarstrukturen, Gesichtsformen, Haaransätze um das Gesicht, Wirbel und Haarfüllen und jede Eigenheit führt zu ganz eigenen Bedürfnissen. Wenn ich drei verschiedene Personen ein und denselben Haarschnitt geben will, muss ich ihn drei Mal anders schneiden, um ein einigermaßen ähnliches Ergebnis erzielen zu können.

Das Kreieren eines Haarschnitts ist für den Friseur oft eine wunderschöne und sehr befriedigende Arbeit, bei der er sich ganz auf das Haar und sein Wesen konzentrieren kann – es müssen keine Farbcremes vorbereitet, keine Einwirkzeiten kalkuliert, keine Mischverhältnisse bestimmt und kein Timer gestellt werden – der Frisör kann seine volle Aufmerksamkeit dem widmen, was ihn so fasziniert, den Haaren. 

Es ist eine Kunst, mit einem Naturprodukt wie den Haaren zu arbeiten und ich kann mir gut vorstellen, dass es ähnliche Gefühle hervorruft, wie wenn ein Gärtner mit unterschiedlichen Pflanzen eine Landschaft gestaltet oder ein Künstler mit Kohle und seinen Händen ein Bild oder aus Ton Vasen und Skulpturen erschafft oder auch wie wenn ein Schreiner seiner Kreativität an einem Stück Holz freien Lauf lassen kann.
Viele von euch werden jetzt vielleicht die Stirn runzeln, dennoch spreche ich für viele Friseure, wenn ich sage, dass wir uns oft wünschen, mehr freie Hand zu bekommen, ohne uns in eure Privatsphäre einmischen zu wollen. Friseure wollen etwas kreieren und beim Schneiden können wir sehr kreativ werden, da wir nichts dort nichts Unnatürliches machen, sondern etwas verschönern, das trotzdem noch zu dem Menschen passt und gehört, der vor uns auf dem Stuhl sitzt.
Wir #lartistas zum Beispiel schneiden Haare am aller liebsten im trockenen Zustand (hierzu mehr im nächsten Blog). Da fühlt man die Haare und ihre Struktur besonders gut, man erkennt schnell, welche Schnittart für das Haar besonders geeignet ist und es schön fallen lässt.

lart4

 

Ein guter Schnitt lässt die Farbe schöner aussehen

Kunden, die nur Farbe und keinen Schnitt wollen (ich meine damit Neukunden, die das erste Mal da sind und noch keinen Schnitt im Haar haben), befriedigen den Friseur in seinen Job deshalb nicht, weil die Farbe niemals so schön zur Geltung kommen kann, wenn das Haar nicht sauber und glänzend abschließt. Wenn Haare strohig und verbrannt sind, sieht jede Farbe nur halb so schön aus. Ganz ehrlich, das hat nichts damit zu tun, dass wir mehr Geld verlangen wollen. Es geht darum, etwas zu vollenden, das Bild, das Kunstwerk zu Ende zu malen und sich darüber zu freuen, dass alle Leute dieses Kunstwerk zu sehen bekommen. Bereits während des Schneidens ist es einfach toll zuzusehen, wie sich die Form verändert und die Haare eine Art Figur bekommen, eine sehr sexy Figur ☺.

Love yourself

Wie oft lassen wir uns von einem Bild im Internet beeindrucken und sind uns selbst schnell nicht mehr gut genug, wollen auf Teufel komm raus etwas genauso haben, wie jemand anderes, als wären wir austauschbar.
Dabei ist es doch viel wichtiger, sich auf sich selbst zu konzentrieren, zu sich selbst zu finden und etwas für sich selbst zu tun. Dazu gehört für mich auch, sich zu pflegen, weil man bzw. frau sich selbst liebt – SICH SELBST, und nicht irgendein Bild, das er oder sie gerne wäre. Das Thema ist also Selbstliebe und ein schöner Schnitt und gepflegte Haare gehören für mich hier dazu. Es ist, als würden wir uns die Nägel lackieren, ohne sie uns zu kürzen und zu feilen – trotz unserer Mühen würden unsere Hände einfach ungepflegt aussehen und uns unzufrieden lassen.
Was mir beim Haare schneiden besonders auffällt, ist, dass ich noch nie gesagt bekommen habe: „Oh, das sieht aber anders aus als bei ihr!“ oder „Ich will aber, dass es genauso aussieht wie auf dem Bild. Auch gibt es häufiger und beeindruckender Komplimente für einen guten Haarschnitt, als für eine schöne Farbe, denn der Schnitt verändert das Volumen und lässt die Frau gepflegt erscheinen.

Processed with VSCO with c8 preset

Neues Styling-Erlebnis

Ein guter Haarschnitt vereinfacht das Stylen. Die meisten individuell angepassten Haarschnitte können auf ganz verschiedene Arten gestylt werden, was einer Frau viel Spaß vor dem Spiegel bereitet. Viele Kunden bekommen bei uns die Haar geschnitten und gestylt und strahlen danach: „Ich freu mich schon, wenn ich mir die Haare das erste Mal selber wasche und föhne, das macht immer so Spaß, wenn sie frisch geschnitten sind und so schön fallen mit nur wenig Styling! Und genau so ist das dann auch immer!
Der Schnitt wird oft mit etwas Grauenhaftem verbunden und die Kunden schauen uns bei der Frage: „Bekommst du die Haare heute auch geschnitten?“, immer mit ganz großen Augen und antworten häufig mit der Gegenfrage: “Muss das sein? Aber bitte nur ganz wenig!“

Was viele vergessen ist, damit Haare toll aussehen, müssen sie nicht immer lang sein. Es ist wie mit den Absätzen oder mit den kurzen Kleidern. Klar sind die 16 cm Schuhe einfach geil, davon abgesehen können aber wirklich nur wenige Frauen locker und selbstbewusst in den Schuhen laufen und daher sehen sie häufig nur im Verkaufsregal oder zuhause im Schuhregal gut aus, angezogen könnten sie tollen Schuhe sogar billig wirken oder sogar die ganze Frau samt dem Outfit in ein unvorteilhaftes Licht rücken. Es ist jammerschade, wenn Frauen und junge Mädchen sich so etwas antun, nur weil sie der Überzeugung sind, je höher desto besser. Der Vergleich mit dem kurzen Schwarzen ist ähnlich. Es gibt eben nicht nur hoch, knapp, kurz und sehr lang als Maßstab für Schönheit, es gibt vieles dazwischen, was um Welten attraktiver sein kann, weil die Person dadurch ihre eigenen Vorzüge viel besser zur Geltung bringen kann.
Das kann man auch ganz eindeutig auf die Haarlänge übertragen. Seit mutig und lasst euch ruhig mal den ein oder anderen cm mehr abschneiden, es ist oft wirklich nur die Angst davor, etwas zu verändern. Doch wenn der Friseur eures Vertrauens dringend zum Schneiden rät, dann macht es! Ich rate euch deshalb: sucht euch einen guten Friseur, baut eine Beziehung zu ihm auf, bis er/sie zum Friseur eures Vertrauens wird. So kann sich der Fachmann, die Fachfrau von Mal zu Mal weiter an euch und eure Haare heran tasten und damit der Wunschfrisur immer näher kommen.

Seid mutig, wenn der Meister zur Schere greift und habt etwas mehr Vertrauen! Traut euch und versucht einen neuen Haarschnitt. Wagt euch an euer ganz individuelles Kunstwerk auf eurem Kopf! Ihr werdet viel Spaß damit haben!

Eure Patrizia 🙂