„Ich bekomme, was ich will, weil ich zahle!“

Friseur – Dienstleister?!

Die Architektin

Vor einiger Zeit kauften mein Mann und ich uns ein Haus. Es war ein altes Haus und wir hatten vor, es nach unserer Vorstellung in unser Traumhaus umzubauen. Daher trafen wir uns mit einer Architektin. Was wir wie umbauen, wo wir welche Wand ziehen wollten und wo die richtige Stelle für z.B. das Schlafzimmer war, waren Fragen, die wir nicht beantworten konnten, da wir nicht vom Fach waren. Wir hatten ein paar Ideen, eine grobe Vorstellung – mehr aber auch nicht. Als die Architektin mit uns durch dass Haus ging, erläuterte ich ihr an unterschiedlichen Stellen unsere Ideen – sie machte sich Notizen, schloss ab und zu die Augen, betrachtete die Räume und lief dann weiter. Hin und wieder antwortete sie: „Ja, ich überlege mir mal was dazu“, oder „Nein, das ist sehr unpraktisch“, oder „Da würde ich nicht sparen“, oder „Das brauchst du nicht, das Geld ist an anderer Stelle besser investiert.“

Nach unserem Rundgang meinte sie: „Ich stoppe jetzt die Uhr und mache Feierabend. Wir können gerne draußen noch einen Kaffee trinken und etwas quatschen.“

Eine Woche später hatte sie die Pläne fertig. Sie schien aufgeregt und super glücklich, als sie stolz die Pläne vor uns auf dem Tisch ausbreitete. Sie führte uns virtuell durch unser neues Haus und betonte, sie hätte sich bemüht, den ein oder anderen unserer Wünsche in ihre Planung einzubeziehen oder einen Kompromiss zu finden. Manche Ideen ließ sie ganz außen vor. Ich versuchte, während des Gesprächs ein positives Gefühl zu entwickeln. Das war nicht so einfach, denn trotz meiner Begeisterung, war ich an manchen Stellen enttäuscht, ja, ich fühlte mich auf eine Art und Weise fast angegriffen. Die Architektin aber war in ihrem Element und ich wollte ihr und ihren Ideen eine Chance geben, also ließ ich mich ein und folgte ihr in ihre Ideenwelt…

Als sie ihrer „Führung“ beendete, bot sie uns ein paar Tage Bedenkzeit an – wir sollten uns alles noch mal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen, doch das brauchten wir gar nicht. Wir sagten ja! Ja, genauso machen wir es! Sie strahlte:„Oh, ich freu mich! Ich habe etwas zum Anstoßen dabei! Und meine Familie wird sich auch freuen.“ Sie berichtete uns, dass sie wohl die ganze Woche in ihrer Phantasie an unserem Haus gebaut und die fertigen Pläne gestern Abend ihren Kindern und ihrem Mann vorgestellt hatte. Diese waren nun auch sehr gespannt, ob wir ihre Pläne umsetzen würden!

Ich war berührt und zugleich sprachlos, wie viel Emotionen sie in unser Projekt investiert hatte, wie viel Liebe und dass sie sogar ihrer Familie miteinbezogen hatte! Mit einem Glas Sekt in der Hand fragte ich sie: „Sag mal, was wäre gewesen, wenn wir deine Pläne hätten verändern wollen, nachdem du so viel rein gesteckt hast?“

 

„Es wäre schade gewesen und es hätte mir Leid getan, aber ich hätte nichts verändert. Ihr hättet euch einen anderen Architekten suchen müssen. Wenn ich so ein Projekt annehme, stecke ich mein ganzes Herzblut rein, all mein Können und meinen Geschmack zusammen mit euren Wünschen, um ein… um mein Kunstwerk zu erschaffen. Wenn wir etwas ändern würden, wäre es nicht mehr mein Kunstwerk.“

Sie sah sich als Künstlerin und war der Ansicht, dass Kunst nicht verbogen werden sollte. Während ihrer Ausbildung musste sie ständig nach Schema F arbeiten. Davon hatte sie jetzt genug. „Ich lebe für meine Kunstwerke und mit den Jahren habe ich festgestellt, dass es mich nicht glücklich macht, nur andere zufrieden zu stellen. Kein Geld der Welt ist es wert!“ Die Arbeit, die sie bietet, ist Kunst für sie. Folglich will ein Kunde, der zu ihr kommt, eines ihrer Kunstwerke. Kein Maler lässt sich sagen, wo er einen Strich setzen oder einen Punkt malen und welche Farben er dafür nutzen soll. Entweder einem gefällt das Bild, wie er es gemalt hat, oder es gefällt nicht und man kauft es nicht. Niemand kommt auf die Idee, Korrekturen anzubringen, im Sinne von: „Bitte malen sie mir das Bild heller oder Blauer, ich zahle schließlich dafür!“ Es wäre nicht mehr sein Bild, kein Kunstwerk mehr.

„Ich liebe meinem Beruf“, damit schloss die Architektin, „ und ich bin glücklich und dankbar, wenn Menschen meine Arbeit mögen und schätzen und ich auf diese Weise damit Geld verdienen kann. Genau aus diesem Grund kann und werde ich mich nicht verbiegen, um andere glücklicher zu machen, als mich selber.“

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Wer liebt was er tut, muss nie mehr arbeiten…

Die Ansichten dieser Frau brachten mich zum Nachdenken und ich verstand nun endlich, weshalb es Tage gab, an denen ich abends, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, unglücklich bin und ich hin und wieder schon daran gedacht hatte, den Job zu wechseln. Ich habe lange überlegt, ob ich über dieses Thema schreiben soll. Ich habe mich dafür entschieden und möchte damit nicht nur meine Kunden ansprechen, sondern die Menschen allgemein…. Dieser Blog soll die Menschen zu Nachdenken bringen. Er richtet sich an andere Dienstleister und Kunden von Dienstleistern jeglicher Art, nicht nur von Friseuren. Ich denke, er spricht ein Thema an, das auf viele verschiedene Lebenssituationen, Jobs und Menschen übertragen werden kann.

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Wertschätzung heißt, auf gleiche Ebene begeben

In unserer Gesellschaft gehört der Beruf des Friseurs in die Rubrik ‚Dienstleister’, was meiner Meinung nach vielleicht für den Job an sich, nicht aber für das Produkt zutrifft, denn das Ergebnis dieser Arbeit ist, im Idealfall, ein Kunstwerk. Das Dienstleistungsgewerbe wird leider im Allgemein noch immer sehr respektlos behandelt. Viele Menschen denken, dass, wenn sie für eine Dienstleistung bezahlen, der Dienstleister genau nach ihren Anweisungen arbeiten muss. Das ist falsch! Der Dienstleister tut das, was er tut, weil er es tun will, weil ich es ihm Spaß macht, weil er seine Arbeit liebt. (Das trifft leider nicht auf alle sogenannten Dienstleister zu, aber auf viele.)

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Wir müssen nicht, wir wollen !

„Wir müssen im Leben nur sterben!“ sagt mir mein Mann immer und genauso ist es. Daher möchte ich hier im Namen der Dienstleister sprechen:

Wir machen unseren Job sehr gerne und schätzen Kunden, die uns und unsere Arbeit genau so schätzen und diese Kunden sind die Könige in unserem Salon – weil wir wollen! Das kann sich sehr schnell ändern, wenn andere Menschen uns das Gefühl geben, wir hätten nur unsere Pflicht zu tun. Das hat nichts mit kindlichem Trotz, mit: „Ich will aber einfach machen, was ICH will!“ zu tun, sondern hier geht es um Kreativität und deren freier Entfaltung. In unserem, so wie in vielen anderen Berufen, wollen wir den Kunden zufriedenstellen, wir wollen ihn glücklich strahlen sehen, wenn wir ihm die Früchte unserer Arbeit präsentieren. Wir wollen mit ihm dabei aber um die Wette strahlen und das funktioniert nur, wenn wir Freude an dem haben, was wir tun. Diese Freude empfinden wir dann, wenn wir in unserem Element sind, unser Wissen und Können anerkannt wird und wir unsere Kreativität, unsere Kunst leben und entfalten dürfen. Gewöhnlich führt auch genau das zu diesem untrüglichen Strahlen bei den Kunden.

 

Mein Aufruf: Lasst euch ein auf unsere Kunst, vertraut euch unserem Können an, lasst uns kreieren (siehe auch Kunstwerk Haarschnitt) und euch und uns damit glücklich machen.